Smartphone-Melancholie und Nachhaltigkeit

Von der Suche nach einem Smartphone, das Mensch und Umwelt möglichst wenig belastet. Oder auch: Wie mich der Bruder eines Freundes fragte, ob mein Handy den zweiten Weltkrieg noch erlebt habe.

Eine einzige falsche Bewegung sollte das tragisch kurze Leben meines Smartphones in tiefster Nacht beenden. Ohne Kontaktlinsen mit -8 Dioptrien sein Handy auf einer schmalen Fläche ablegen, während man sein Hinterteil auf die Klobrille senkt? Keine gute Idee, wie sich herausstellt. Der Freude, dass das Handy dieses Mal neben, statt in der Toilette landete, wich ganz schnell die Panik, als ich mein ohnehin schon böse verkratztes Samsung vom Badezimmerboden aufhob. Der Bildschirm flimmerte ein letztes Mal, dann war es vorbei. Es hatte quasi seine letzten Atemzüge in meinen Händen genommen.

Ganze zwei Jahre hatten dieses Handy und ich miteinander verbracht. Ich hatte es heldenhaft aus einer Burger King-Toilette gefischt, auf einem Konzert der Rikas war Bandmitglied Sascha fast darauf getreten, weil ich es idiotisch vor mir auf der Bühne abgelegt hatte, eine meiner Jeans hat sogar ein Loch da, wo die Ecke des Handys gegen den Stoff rieb. Tja, so schnell konnte alles vorbei sein. Unsere gemeinsame Vergangenheit war futsch, mitsamt allen Fotos und wichtigen Telefonnummern.

Was nun? Ein neues Gerät musste her, das war für mich sofort klar. Social Media Detox und digitaler Minimalismus als Trend hin oder her, so ganz ohne smartes Mobiltelefon geht es heutzutage irgendwie auch nicht. WhatsApp ist quasi eine Voraussetzung für den Zugang zu jeglichen Informationen, auch in Bezug auf Schulisches. Ohne den DB Navigator ist man in Gensingen-Horrweiler aufgeschmissen, wenn man den Zug verpasst hat. Und wer den Untis Mobile Stundenplan nicht besitzt, kann ihn ja zu Zeitpunkten der Verzweiflung überhaupt nicht aktualisieren und aktualisieren und aktualisieren, in der Hoffnung, ein Feld färbe sich grau und kündige Unterrichtsentfall an. Also ein klares „NEIN, DANKE!“ zu digitalem Minimalismus von meiner Seite. Mit einem Tastenhandy würde ich leiden, sogar dann, wenn es ein pinkes Klapptelefon wäre.

Bewusst war mir jedoch folgendes: So ein Smartphone hat einen hohen Preis, und zwar nicht nur in Euro für mich persönlich, sondern auch generell für diejenigen, die es produziert haben. Hatte ich gerade wirklich Bock darauf, mich arm zu machen, und andere noch viel ärmer? Schon lange ist es kein Geheimnis mehr, dass in politisch instabilen Ländern, wie zum Beispiel dem Kongo, Kinder und Erwachsene unter sklavenähnlichen Zuständen Metalle wie Kobalt für die Produktion unserer Smartphones aus einsturzgefährdeten Bergwerken holen müssen. Auch die Arbeitsbedingungen beim weiteren Produktionsweg sind meist menschenunwürdig. Und dann ist da noch dieser eine Schlüsselbegriff, dem man 2019 kaum entkommen konnte: Die Nachhaltigkeit. Uff. Wie viele Kilometer legt so ein Smartphone zurück, bis es in meinen Händen landet? Welche Mengen an Treibhausgasen werden für die Produktion und den Transport freigesetzt? In was für einem Ausmaß werden begrenzte Rohstoffe verbraucht und Naturgebiete für deren Abbau zerstört, wird Trinkwasser durch Chemikalien verseucht? Und was passiert nach Benutzung mit dem Elektroschrott? Fragen, deren Antworten allesamt nicht besonders positiv ausfallen. Ziemlich beschissen sogar, wenn man es genau nimmt.

Aber wie kann man die Unterstützung dieses Prozesses, der an fast allen Ecken und Enden Menschen sowie Umwelt schlechtes tut, minimieren?

Zum einen gibt es natürlich Hersteller von Smartphones, die besonderen Wert auf faire Arbeitsbedingungen, die Langlebigkeit ihrer Produkte und das Recycling von Rohstoffen legen. Bekannt für solches Engagement sind beispielsweise das Unternehmen Fairphone aus Amsterdam oder das hessische Startup Shiftphone. Bei beiden Firmen wird auf das Prinzip der Modularität gesetzt. Das bedeutet, dass man die Smartphones auch als Laie auseinandernehmen und kaputte Einzelteile austauschen können soll, um die Geräte so lange wie möglich benutzen zu können. Während bei gängigen Smartphones die Reparatur oft fast so teuer ist, wie der Erwerb eines neuen Modells, zahlt man so nur für das Ersatzteil. Montieren kann man die Module dann selbst mithilfe von Foto- und Videoanleitungen. Ein weiterer Bonus bei Shift: Alle Verpackungsmaterialen sind frei von Plastik und auf jedes an den Hersteller zurückgegebene Gerät gibt es Pfand, sodass Müll an mehreren Stellen vermieden wird. Beide Unternehmen punkten nicht nur mit Transparenz über den Produktionsweg und die Entstehung der Kosten, sondern auch durch die Ablehnung einer rein profitorientierten Haltung. So heißt es auf der Website von Fairphone beispielsweise: „Das nachhaltigste Handy ist das, was du bereits besitzt.“ Das liege daran, dass der größte negative Einfluss auf die Umwelt beim Manufakturprozess entstehe. Wer ein funktionierendes Smartphone besitzt und sich ein Fairphone anschafft, handelt demnach nicht im Gedanken des Unternehmers. Ähnlich nimmt Shift in seinem sogenannten Wirkungsbericht Stellung: „Durch einen weniger häufigen Gebrauch von Geräten aller Art werden Energieverbrauch und Verschleiß reduziert. Geringe Beanspruchung erhöht die Langlebigkeit eines Gerätes, was wiederum der Umwelt zu Gute kommt.“

Ziel sollte also sein, seinen Konsum derartiger Produkte generell zu verringern. Das bedeutet konkret, Smartphones besser zu behandeln, über einen längeren Zeitraum weniger intensiv zu benutzen und – wenn es geht – nicht neu zu kaufen. Ich musste mir also gar kein schweineteures Shiftphone besorgen, um mein Gewissen zu beruhigen? Was eine Erleichterung! Da soll noch jemand sagen, Nachhaltigkeit wäre nicht preiswert, ganz im Gegenteil. Wer seltener und second-hand kauft, spart! Aber wo genau sollte ich das Ding jetzt herbekommen?

Das Zauberwort für second-hand Handys, die nicht ranzig und fast kaputt sind, lautet: Refurbished. Bei Smartphones, die als refurbished oder auch refurbed betitelt sind, handelt es sich um bereits genutzte Modelle, die professionell aufgearbeitet und vor dem Weiterverkauf auf ihre Funktionsfähigkeit getestet wurden. Sie sind meistens deutlich günstiger und haben sogar eine Garantie. Auf diversen Websites und in wenigen Läden kann man sie erwerben. Der Traum für Menschen mit kleinem Budget und schlechtem Gewissen! Alternativ sind natürlich auch klassische eBay Kleinanzeigen nicht zu verachten, dort tummelt sich sogar das ein oder andere Fairphone und Shiftphone auf der Suche nach Zweitbesitzer*innen. Zu guter Letzt kann man selbstverständlich auch bei Bekannten und Familie nach Handys fragen, die seit Jahren ungenutzt in einer Schublade liegen. Die gibt es doch in jedem Haushalt, oder?

Genau diese Schublade in unseren eigenen vier Wänden galt es für mich nun zu plündern. So stieß ich schließlich auf das Smartphone, das ich 2013 stolz mein Eigen nennen konnte. Es zeigte mir an, dass wir den 1. Januar 1980 hatten (falsch). Die Innenkamera war kaputt, die Tastatur öffnete sich nur dann, wenn sie es wollte, aber ansonsten machte das Gerät seinen Job noch recht passabel. Nicht gut, aber geradeso erträglich. Und aus irgendeinem komischen Grund beschloss ich, dass mir das für den Moment reichte. Ich würde probieren, dieses Smartphone zu benutzen, bis es nicht mehr ging. Auch wenn sich weder Tinder noch Spotify herunterladen ließen und ich nun schon seit zwei Monaten ausschließlich mit 2013 heruntergeladenen Hits wie „Hey Brother“ von Avicii oder „Wrecking Ball“ von Miley Cyrus auskommen muss. Irgendwie funktioniert es, auch wenn nicht immer alles so schnell geht, wie man es gewohnt ist. Dann richte ich Mileys Lyrics an mein schrottiges, sich aufhängendes Huawei: „Don’t you ever say I just walked away, I will always want you!“ Oder eben: „You wreck me.“

bild zu smartphone melancholie


Text und Foto von Mia Luise Grützenbach

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